Atemlos durch die Nacht – Mein Wettlauf mit dem Bus

Vorweg zu diesem Artikel: natürlich ist dies keine Wanderung zum Nachwandern. Genau genommen ist es noch nicht mal eine echte Wanderung. Aber es ist der Beweis dafür, dass man schneller ein Mikroabenteuer erleben kann als man denkt! Direkt vor der Haustür noch dazu und in einer Situation, in der man es gar nicht erwartet.

Maik und ich wohnen mehrere hundert Kilometer von einander entfernt. Bisher bin ich immer mit dem Auto gefahren, aber angesichts der aktuellen Benzinpreise bin ich nun doch (hoffentlich nur vorläufig) auf die Bahn umgestiegen. Dass die Bahn gewisse Schwierigkeiten mit der Pünktlichkeit hat, das wird jeder wissen, der dann und wann auf der Schiene unterwegs ist.
Bei der letzten Fahrt bin ich ebenfalls zum Opfer dieser traurigen Tatsache geworden.

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Was die Bahn schafft, das schaffe ich erst recht

Eigentlich hatte die Fahrt durchgehend prima und immerhin so pünktlich funktioniert, dass ich alle Anschlüsse erreicht hatte.
Mit dem letzten Zug nach Aschaffeburg ist die Bahn ihrem Ruf aber doch noch gerecht geworden. Irgendwo bei Frankfurt vertrödelte der Zug die wenigen kostbaren Minuten, in denen ich in Aschaffenburg den Bus hätte erwischen müssen.
Die App der Bahn verriet, der nächste Bus würde erst in einer Stunde fahren. Die Fahrt selber würde eine halbe Stunde dauern.
Ein Blick auf maps verriet zudem, dass ich zu Fuß etwa genauso lange brauchen würde.
Was tun also? Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber es gibt angenehmere Orte als einen Bahnhof um eine Stunde totzuschlagen.

So stand der Entschluss schnell fest: ich laufe die Strecke! Was der Bus schafft, das schaffe ich schon lange! Außerdem führte die Strecke überwiegend am Main entlang, wo auch der Mainradweg verläuft. Dort würden schon noch Leute sein und mit Sicherheit wird es dort Laternen geben. Soweit die Theorie. Außerdem war es noch warm und trocken. 7 km und ein paar Zerquetschte. Alles gar kein Problem! Maik beschloss, mir etwa zeitgleich von der anderen Seite her entgegen zu laufen.

So bin ich am Bahnhof ausgestiegen, habe den Rucksack geschultert (der deutlich mehr wog als der, den ich beim Wandern dabei habe), die Kopfhörer aufgesetzt, die Aufzeichnung mit der Uhr gestartet und bin losmarschiert. Zunächst noch in der Stadt, was mir gezeigt hat, wieso ich keine Stunde am Bahnhof herumhängen wollte.

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Böses Erwachen

Endlich am Main angekommen, stellte ich sofort fest: von wegen Laternen! Nur etwas Licht von den Häusern in einiger Entfernung und von der Industrie auf der anderen Seite vom Fluss. Direkt vor mir herrschte nahezu absolute Dunkelheit. Ich konnt es kaum glauben. Zum ersten Mal kamen mir dezente Zweifel, ob das wirklich eine gute Idee gewesen war. Andere Menschen konnte ich auch nicht sehen. Licht hatte ich keines dabei, nur das der Taschenlampe im Handy. Aber ohne Licht ging es einfach nicht. Speziell am Wasser ist das heikel bei mir. Selbst wenn das Wasser noch so weit weg von mir ist, irgendwie habe ich immer Angst, im Dunkeln reinzufallen. Komplett bescheuert, ist aber nun mal so. Also habe ich die Handyfunzel eingeschaltet und bin frohen Mutes weitergelaufen. Habe ich schon erwähnt, dass ich einfache Adidas ohne jegliches Profil trug? Völlig ungeeignet für einen Marsch? Nein? War aber so!

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Im Geschwindigkeitsrausch

Ich wandere viel und ich liebe lange Strecken. Aber normalerweise bin ich dabei mit eher gemütlichen 3,5 bis 4,5 km/h unterwegs und genieße Wald und Wiesen. An diesem Abend allerdings nicht! Vielleicht war es der Frust über die Bahn oder das Adrenalin. Vielleicht war es aber auch nur deswegen, weil es einfach nichts zu sehen gab. Jedenfalls bin ich für meine Verhältnisse fast geflogen. Mit stolzen 5,7 km/h am Main entlang, im Stockdunkeln und nur mit dem Handylicht bewaffnet. Das war schneller als ich jemals bei einem Extremmarsch gelaufen bin!
Bei einem Blick aufs Handy -Maik und ich hatten den Live Standort aktiviert- passierte es dann! Scheinbar kann ich nicht gleichzeitig aufs Handy schauen und geradeaus laufen. Plötzlich spürte ich weichen, grasigen Untergrund unter den Schuhen. Ich war blindlings auf den Wiesenstreifen zwischen Weg und Main abgedriftet.

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Singe, wem Gesang gegeben

Ich gebe es zu, ganz geheuer war mir die Sache hin und wieder nicht. Aber richtig schön spannend war es halt auch! Jetzt nur nicht an die unzähligen True Crime Podcasts denken, de ich in den letzten Jahren gesuchtet habe!
Was macht man also, wenn sich das Gebüsch am Weg vemeintlich komisch bewegt?
Ganz genau: singen! Die Kopfhörer hatte ich ja sowieso auf, also habe ich die Lautstärke bis Anschlag hochgedreht und lauthals mitgesungen. Weit und breit war ja niemand unterwegs, den ich hätte belästigen können. Höchstens ein paar verwirrte Enten, bei denen ich mich an dieser Stelle für die Ruhestörung entschuldigen möchte.
Singen vertreibt nicht nur „böse Geister“, sondern hält auch das Tempo hoch. Ideal also für diese Situation. Zwei Personen kamen mir entgegen, aber deren Licht sah ich schon von Weitem und konnte mit meinem Konzert kurz aussetzen. Keimzeit, Sportfreunde Stiller, Melissa Naschenweng und Juli in Schleife. Bei deutschen Songs bin ich textsicherer. Wenn schon falsch gesungen, dann wenigstens richtig.

Romantisch ist anders

Etwa auf halber Strecke kam eine Nachricht von Maik, er könne mich sehen. Das Licht war mir natürlich auch schon aufgefallen, aber es hätte auch jeder beliebige Gassigänger sein können. Wie die beiden anderen Leute, die mir begegnet waren. Die Begrüßung fiel eher knapp aus, weil jeder von uns vom eigenen Tempo so beeindruckt war, dass er es auf keinen Fall aufgeben wollte. So wurde aus dem Blindflug am Main ein sehr sportlicher Partnerlauf.
Die Challenge stand noch immer: mit dem Bus mithalten oder sogar schneller sein als er!
Endich kam die Brücke über den Main in Sicht und damit ging es in den Endspurt.

Wenig später folgte das furiose Finale. Wir bogen in die Hauptstraße zu Maiks Wohnung ein und genau in diesem Moment kam uns der Bus auf seinem Weg zur Haltestelle entgegen! Punktlandung! Fast auf die Minute genau zusammen mit dem Bus an Ort und Stelle, auf den ich eine Stunde lang am Bahnhof hätte warten müssen. Sogar einige Minuten früher, wenn man es genau nimmt. Wir haben uns kaputt gelacht bei dem Anblick.

Drei Dinge habe ich aus diesem Erlebnis gelernt

Loslaufen, ehe einem Ausreden einfallen! Man ist schneller als man denkt. Erst recht alleine auf einem dunklen Weg, mit Musik auf den Ohren und unter (in meinem Fall selbst gemachtem) Zeitdruck.

Nie mehr ohne Licht! Ab sofort kommt eine kleine Taschenlampe oder eine Stirnlampe in den Rucksack. Das wird kaum das letzte Mal gewesen sein, dass die Bahn mich hängen lässt.

Solche Mikroabenteuer kommen wirklich oft ungeplant! Manchmal reicht es schon, „nur“ den Bus zu verpassen.

In denen wäre ich vielleicht noch etwas schneller gewesen…
Wie sieht es bei euch aus?

Seid ihr auch schon mal so unerwartet in ein echtes Mikroabenteuer gestolpert? Noch dazu in völlig falschen Klamotten und mit einer Ausrüstung, die eigentlich gar keine ist? Was sind eure Mittelchen gegen ein komisches Gefühl, wenn ihr im Dunkeln unterwegs seid?

Und falls ihr  bei Tag eine echte Wanderung am Main entlang unternehmen möchtet, dann habe ich hier noch einen Tipp für eine entspannte Tour in der Auenlandschaft des Mains

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