Die Geschichte
Es begab sich am Ostermontag 2026, dass mich eine sehr verspätete Bahn gegen 21:30 Uhr nach Kassel-Wilhelmshöhe brachte. Dass meine ursprüngliche Verbindung nicht mehr funktionieren würde, das war mir zu diesem Zeitpunkt bereits klar. Es sollte aber noch ein Zug nach Bielefeld fahren. Bis nach Herford würde ich aber nicht mehr kommen an diesem Abend.
So beschloss ich kurzerhand: ich laufe von Bielefeld nach Bad Salzuflen. Das sind rund 20 km, kein Problem.
Sicherheitshalber gab ich auf der Arbeit Bescheid, dass ich vermutlich nicht pünktlich am nächsten Morgen dort ankommen würde. Gänzlich unerwartet wurde mir angeboten, mich in Bielefeld abzuholen. Ergänzt wurde die Nachricht mit dem verhängnisvollen Satz: „Laufen ist doch keine Option!“
Der hatte mich sofort am Schlafittchen. Doch, für mich ist Laufen immer eine Option!
Bis die Bahn kundtat, dass auch Bielefeld für mich nicht mehr erreichbar sein würde.
Der nächste noch erreichbare Bahnhof für mich war Paderborn.
Eine kurze Recherche auf Komoot und Maps ergab, dass die Laufstrecke von Paderborn nach Bad Salzuflen etwa 51 km lang ist.
Ich bin schon 30 km gelaufen und auch 42 km, da sollte ich wohl auch 51 km schaffen.
Aber ich muss ehrlich zugeben: nach sieben Stunden Zug, mitten in der Nacht und ohne etwas über die Strecke zu wissen, da war ich doch froh und mehr als dankbar, dass mir der Abholservice auch für Paderborn angeboten wurde.

Gedankenkarussell
„Laufen ist doch keine Option!“
Ich habe diesen Satz damals so oft im Kopf von rechts nach links geschoben, dass er heute zum geflügelten Wort geworden ist.
Doch, Laufen ist immer eine Option!
Mal war der Gedanke tagelang weg, dann ploppte er plötzlich wieder auf, aber erstmal standen die Bedenken artig Wache.
51 km sind eine Hausnummer, auch wenn man fast jede Woche wandert und schon einige Extremmärsche gefinished hat.
Außerdem werden Höhenmeter und ich niemals gut Freund werden. Das Höhenprofil der Strecke von Paderborn nach Bad Salzuflen präsentierte aber einen richtigen Berg etwa in der Mitte.
Zudem war ich vor vielen Jahren schon einmal 40 km gelaufen und konnte danach eine Woche lang gar nichts mehr.
Andererseits, nach dem 42 km Mammutmarsch Hannover 2024 war ich nur am gleichen Abend völlig fertig gewesen. Am Tag danach war alles wieder gut. Sollten 9 km solch einen Unterschied machen?
Immer häufiger ertappte ich mich dabei, wie ich abends vor Maps und Komoot saß.

Planung
Ich mache das!
Wann das genau feststand, das weiß ich nicht mehr.
Wahrscheinlich nachdem ich die Route aus maps zu komoot übertragen hatte und feststellte, dass sie plötzlich 53 km lang war. In der schicksalhaften Nacht hatte Maps noch von 51 km gesprochen.
Besonders zwei Punkte machten die Planung der Route schwierig. Erstens war es eine ewige Fisselarbeit, die 2 km rauszuplanen. Zweitens gab komoot zwei Abschnitte mit „zeitlich begrenzter Zugang“ aus. Und zwar nicht irgendwelche Abschnitte, sondern militärisch genutzte Gebiete. Ich habe an sich kein Problem damit, mich über Sperrschilder hinwegzusetzen, aber versehentlich (oder absichtlich) erschossen werden, das möchte ich dann doch lieber nicht. Ich habe Abende lang gegoogelt und Seiten der British Army studiert. Trotzdem blieb die Frage unbeantwortet, ob ich diese Abschnitte überhaupt würde laufen können. Sie zu umgehen, hätte die Gesamtlänge der Route deutlich nach oben getrieben. Das kam eigentlich nicht infrage.
Dazu kam das Problem mit möglichen Ausstiegsstellen. Es lagen Bushaltestellen an der Strecke, doch nicht jede wurde an einem Sonntag bedient. Geeignete Bushaltestellen lagen entweder zu nahe am Start oder schon zu nahe am Ziel, um noch abzubrechen. 30 km traute ich mir auf jeden Fall zu, die Bushaltestelle musste also dahinter liegen. Oder doch nicht, weil die Tour fast nur aus Asphalt bestehen würde? Auf Asphalt habe ich oft schon nach 17 km mit Fußschmerzen zu kämpfen. Es dauerte den einen oder anderen Abend bis ich eine gut gelegene Bushaltestelle gefunden hatte.

Logistik und der Vergleich zum Mammutmarsch
Bei einem Mammutmarsch (oder Megamarsch und wie sie alle heißen) hat und weiß man alles. Man weiß, wann man startet und wie lange man für die Strecke brauchen darf. Die Route bekommt man einige Zeit vor dem Start und die Wege dürfen ganz sicher gelaufen werden. Es gibt regelmäßig Verpflegungspunkte, wo man lecker durchgefüttert und üppig getränkt wird. Aussteigen kann man dort bei Bedarf auch. Überhaupt bedeutet ein Abbruch meist kein Ende mitten in der Pampa. Man bekommt zudem eine lange Liste an empfohlener Ausrüstung und kann sich damit präparieren.
Long story short: plant man eine solch lange Wanderung selbst, hat man nichts davon. Jedenfalls nicht fertig und frei Haus.
Um die Frage mit den potenziell abgesperrten Straßen zu klären, blieb nichts anderes übrig, als vorab hinzufahren und zu schauen, wie es vor Ort aussieht. So stellte sich heraus, dass alle Wege zugänglich waren.
Als Zeitfenster rechnete ich mit mindestens 12 Stunden und wollte deshalb um 6 Uhr früh loslaufen. Da mich kein Zug auf diese Zeit nach Paderborn bringen würde, musste ich ein Hotelzimmer buchen.
Verpflegung für unterwegs war kein Problem, da zahlte sich die Wandererfahrung aus. Ich habe lediglich Traubenzucker, zwei Sachets Elektrolyte und eine Trinkmahlzeit als Frühstück außer der Reihe geplant. Außerdem hatte ich mir einige Tankstellen markiert.
Die Ausrüstung stand schnell fest. Mit dem Krempel für einen Wandertag bei 95% Regenwahrscheinlichkeit kennt man sich schließlich aus.
Als Letztes bin ich zwei Tage vor der Tour zur Mitte der Strecke gefahren und habe dort eine 1,5 l Flasche Wasser versteckt. Mir war nämlich aufgegangen, dass ich sonst 5 kg nur Wasser / Getränke hätte schleppen müssen.

Kaum angekommen, schon Abbruch?
Ja, der Gedanke stand tatsächlich im Raum. Kaum dass ich eine Stunde in Paderborn war und im Hotel eingecheckt hatte.
Auf dem Weg um etwas zum Essen für den Abend im Kaufland zu besorgen, hatte ich aus heiterem Himmel ein nicht unerhebliches Zahnproblem. Ohne Schmerzen zum Glück, aber eins war sicher: an festes Essen war erst einmal nicht zu denken.
12 Stunden vor einem 51 km – Marsch. Perfekt! Ich rief meinen Zahnarzt an, der mir riet, zum Notdienst zu gehen. Das wollte ich aber nicht. Wenn, dann wollte ich zu meinem Zahnarzt. Also, was tun? Wäre ich zurück nach Herford gefahren, hätte die Praxis längst geschlossen gehabt und mir wäre auch zuhause nur der Notdienst geblieben. Am Sonntag zurückfahren? Dann wäre das Geld für das Zimmer zum Fenster rausgeworfen gewesen und etwas anderes als der Notdienst wäre mir auch in diesem Fall nicht geblieben. In beiden Fällen hätte ich die Tour abblasen müssen.
Ziemlich schnell stand somit fest, dass ich in Paderborn bleiben und die Wanderung antreten würde. Solange keine Schmerzen dazukamen, würde es schon gehen. Meine Snacks konnte ich zwar vergessen, aber vielleicht würde ich am Bahnhof ein paar Milchhörnchen bekommen (Spoiler: nein!) und ansonsten würde es mit der Trinkmahlzeit gehen müssen.

Packliste
Skysper Rucksack, 20 l
Fizan Trekkingstöcke
Revolution Race Regenjacke
Amazon Regenrock
Toutacoo Regenhut
Mountain Warehouse Rucksack Regenhaube
Thermarest Pumpsack als Liner für den Rucksack
Haribo 10k Powerbank
Anker Kopfhörer
Netzstecker mit Kabel
Zahnbürste, Zahnputztabletten, Haarbürste
Medi-Kit inkl Ibu 600, Vomex, Imodium Akut, Verbandsmaterial, Blasenpflaster
Snacks süß & salzig, Proteinriegel und Salzbrezeln
2,5 l Wasser, 0,5 l Coca Cola, 0,5 l Y-Food Vanille Trinkmahlzeit
