Den Veranstalter Nord Marsch haben wir im vergangenen Jahr erst kennengelernt und sind damit im November den Ruhrseen Marsch Herdecke gewandert. 2025 war es unsere einzige Extremwanderung und wir waren froh gewesen, so spät im Jahr überhaupt noch eine Veranstaltung gefunden zu haben. Danach stand sofort fest, dem Nord Marsch bleiben wir treu.
Dieses Jahr hatten wir keine zeitliche „Not“ und konnten uns recht frei für eine Veranstaltung entscheiden. Die Wahl fiel auf ein zweitägiges Event in Oldenburg. Am ersten Tag standen 15 km auf dem Plan, an Tag zwei 25 km. An Tag 1 in die Abendstunden hinein, am zweiten Tag in den Tag hinein.
Bereits die Anreise war sportlich und natürlich presented by Die Bahn. Freitagmittag ging es hinein in den Zug und dann hieß es hoffen, dass wenigstens einmal der Fahrplan eingehalten werden würde. Sagen wir so: es hat grob funktioniert. 20 Minuten vor Start kamen wir am Gelände an. Inklusive der Anmeldeprozedur standen wir dezent verspätet, aber noch rechtzeitig am Start.
Hier kommst du direkt zu Tag 2!

Die Strecke begann auf Asphalt und entlang von Straßen, was uns an diesem ersten Tag noch nicht viel ausmachte. Es gibt hier erstaunlich viele Baumschulen und Gartenbaubetriebe. Entsprechend sahen wir entlang der Route immer mal wieder große Flächen mit akkurat gestutzten Bäumen und Büschen. Auch ein Art von Kunst. Ich persönlich kann noch nicht mal eine Form sauber aus Papier ausschneiden und einen geraden Schnitt bekomme ich genauso wenig hin. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie ein von mir zurechtgeschnittenes Bäumchen ausehen würde. Das kann niemand wollen! Erfreulicherweise wechselte der Untergrund hier hin und wieder von Asphalt auf Sand.

Sogar das Wetter hatte an diesem Abend ein Einsehen und bescherte dem Marsch zwar keine übermäßig warmen Temperaturen (willkommen im Norden!), aber dafür blauer Himmel und Sonne. Das ist im Juli ja auch was Feines….
Natürlich gab es am Wegesrand regelmäßig wieder die bekannten Schilder mit den motivierenden Sprüchen. Einige davon waren wirklich ganz witzig. Viel spannender waren aber die Entfernungsangaben auf den Schildern. So wusste man meistens ganz gut, wie weit es noch bis zum Verpflegungspunkt oder eben dem Ziel selber war.
Allmählich dämmerte es und wir waren inzwischen auf Kurs zum einzigen VP an diesem Tag.

Der VP lag sehr idyllisch an einem kleinen See bzw Teich. Versorgt mit Hotdogs und einigen süßen Snacks fanden wir ein Plätzchen am Ufer auf einer Bank und ließen es uns schmecken. Kaum dass wir aufgegessen hatten, wurde es aber auch schnell ganz schön frisch. Wenn man erstmal ins Frieren kommt bei solchen Märschen, dann wird es oft schwer, sich wieder so richtig aufzuwärmen. Deshalb schnappten wir uns die Rucksäcke und machten uns wieder auf den Weg. Rund sechs Kilometer lagen noch vor uns und komplett im Stockfinsteren wollten wir nicht unbedingt im Ziel ankommen. Als wir aus dem kleinen Waldstück mit dem Teich heraustraten, wurde es wieder etwas heller. Die Bäume am Teich hatten uns ganz schön an der Nase herumgeführt was Dunkelheit anging.

Der Endspurt hatte es dann nochmal so richtig in sich! Kilometerlang auf einer ehemaligen Start- oder Landebahn oder Panzerstraße eines genauso ehemaligen Fliegerhorstes. Heute befindet sich auf dem Gelände ein Solarpark, doch von dem konnten wir in der zunehmend hereinbrechenden Dunkelheit nicht viel sehen. Hier lag auch der Campingplatz für die Teilnehmer, die mit dem Camper, Wohnwagen, Zelt oder Wohnmobil angereist waren. Darüber hatten wir vor unserer Anmeldung tatsächlich auch kurz nachgedacht. Ich war allerdings dagegen gewesen. Ich finde, wenn man sich so anstrengt wie bei einem Marsch, dann ist guter Schlaf so wichtig. Das wollte ich nicht aufs Spiel setzen. Außerdem mag ich Hotels und vor allem das Frühstück im Hotel.

Tag 2
Am zweiten Tag lief es vor dem Start bedeutend geschmeidiger. Wir waren sehr pünktlich vor Ort, hatten keine neuerliche Anmeldung zu erledigen und es blieb sogar noch Zeit, meinem Fietchen einen neuen Hoodie zu kaufen. Der arme Kerl musste fast ein Jahr den gleichen Pulli tragen. Wo gibt es denn sowas?

Einzig das Wetter kannte an diesem Tag keine Gnade. Es nieselte unangenehm und warm war es kein Stück mehr. Aber das würde sich vielleicht im Laufe des Tages noch ändern. Hatte ich schon erwähnt, dass wir Juli hatten? Ich bin mir nicht sicher.
Meiner ohnehin nicht sehr ausgeprägten Motivation an dem Morgen tat das nicht allzu gut, wie man sich eventuell denken kann. Ich hatte schlichtweg keine Lust, 25 km durch den Regen zu latschen. Erst recht nicht auf Füßen, die die 13 km Asphalt vom Tag zuvor noch nicht gänzlich weggesteckt hatten.
Aber wenn dann die Proclaimers mit ihren „500 miles“ loslegen, dann ist plötzlich halt doch Energie da. Ich glaube, den Song hört man auf jeder Extremmarsch Veranstaltung. Er ist aber auch einfach cool!

Die ersten Kilometer glichen denen an Tag 1, danach durften wir ein wunderschönes Industriegebiet entdecken. Ich könnte hier jetzt um den heißen Brei herumreden, aber das ist nicht der Stil auf diesem Blog, darum schreibe ich es gerade heraus: einen Schönheitspreis hätten die Routen der beiden Tagen nicht gewonnen. Wir haben uns im Nachgang die Routen der 100- und 110 km Wanderer angeschaut und denen wurde landschaftlich bestimmt deutlich mehr geboten. Und was bekamen wir? Ein Industriegebiet!
Da gibt es doch auch so ein Meme: „Ich bin übrigens die, die sich trotz Navi verfährt und dabei wunderschöne Industriegebiete kennenlernt.“ Da ging es uns auf diesem Marsch ähnlich, sogar ganz ohne uns zu verfahren bzw zu verlaufen.

Danach geschah dann das Wunder des Tages. Die Route führte in ein Waldstück! In ein richtiges Waldstück mit einem herrlichen Trampelpfad. Während wir uns freuten, ging hinter uns das Meckern los. Dort war man unüberhörbar nicht glücklich über den weichen und verwunschenen Pfad. Mir und meinen Füßen war das herzlich egal und meinetwegen hätte der Abschnitt dreimal so lang sein dürfen. Viel zu schnell kamen wir aus dem kleinen Wald wieder heraus und zurück auf festen Untergund. Wahrscheinlich war der Trupp hinter uns nun wieder bei besserer Laune.

Auf der Brücke über die A28 fühlten wir uns wie im Ruhrgebiet. Dort gibt es auch kaum eine Wanderung, die ohne die Überquerung einer Autobahn auskommt.
Ungefähr hier nahm das Unheil seinen Lauf. Mein rechter Knöchel hatte nach und nach immer weniger Bock auf Apshalt, ziepte und zwickte und tat einfach bei jedem Schritt weh. Das ging so weit, dass ich bald in Erwägung zog, eine Ibu zu nehmen. Aber bis zum Verpflegungspunkt wollte ich es noch ohne schaffen. Also Zähne zusammengebissen und durch da!
Es hat nicht funktioniert, wenig später holte ich die erste Ibu aus dem Rucksack. Bis zum VP warten, das ging einfach nicht mehr.

Der VP lag an diesem Tag quasi im Garten eines Anwohners, der sein Grundstück wohl schon mehrere Male dafür zur Verfügung gestellt hatte. Einmal mehr gab es alles, was das hungrige Wanderherz begehrte. Von der sauren Gurke bis zur Lakritzraute. Maik verputzte ein Fischbrötchen und ich mapfte eine leckere Ofenkartoffel. Zum Nachtisch gab es für mich direkt die zweite Ibu. Der Knöchel pochte und ich konnte wortwörtlich spüren, wie er immer dicker wurde. Es war zum Mäusemelken! Wirklich alles hatte mir auf diversen Touren schon weh getan, aber der Knöchel war ganz was Neues. So ein Mist!

Ich möchte nicht gänzlich undankbar sein für die wunderschöne Industrie auf diesem Marsch, denn seitdem weiß ich, wo die Rügenwalder Mühle ihre Sitz hat. Das hatte ich mich bislang zwar nie gefragt, obwohl ich die vegetarischen und veganen Produkte seit meiner Vegetarierzeit feiere, aber nun weiß ich es endlich. Wer weiß, wofür das eines Tages noch wichtig sein wird.
Die rote Mühle lag leider nicht an der Strecke und der Abstecher war auch nicht drin. Man möchte sich ja an die Route halten und mein Knöchel hätte sicher auch etwas gegen Zusatzkilometer gehabt.

Mit der dritten Ibu des Tages starteten wir schließlich in den Endspurt der 25 km. Eine ewig lange Gerade parallel zur Bahnstrecke. Es müssten so um die 4,5 km gewesen sein. Die einzige Abwechslung boten die Züge hin und wieder. Wir wandern fast nie mit Musik auf den Ohren, aber hier gab es eine große Ausnahme. Musik hilft immer auf die Sprünge, mir jedenfalls. So konnte ich sogar den Knöchel besser ignorieren. Dem waren die Ibus nämlich gänzlich egal inzwischen. Genauso wie die Trekkingstöcke, die anfangs immerhin noch etwas Erleicherung gebracht hatten. Mir war schon klar, dass ich mir da großes Unheil einhaldelte, aber so wenige Kilometer vor dem Ziel wollte ich einfach nicht aufgeben.

Kaum der Bahnstrecke entronnen, fanden wir uns im Solarpark wieder. Die Route an Tag 2 führte ein ganzes Stück hindurch und von Weitem konnte man sogar noch Bunker aus Zeiten der militärischen Nutzung sehen. Die hätte ich mir ja gerne mal näher angeschaut. Aber natürlich geht das nicht, es ist alles mit Zäunen abgesperrt und gesichert.
Und schließlich waren wir zurück auf dem alten Flugplatz und damit auf der nächsten Gerade, die wir vom Tag zuvor noch sehr klar in Erinnerung hatten. Immerhin, sauberere Dixis als hier habe ich noch nirgends erlebt! Träumchen!
Endlich liefen die allerletzten Kilometer und mein Knöchel und ich wollten einfach nur noch ankommen.

Endlich kamen wir im Ziel an und ich glaube, ich war noch nie so froh über das Ende einer Wanderung gewesen. Wir holten die Urkunden und die Medaillen ab und setzten uns mit dem Finishergetränk auf eine der Bänke. Geschafft, in jeglicher Hinsicht. Und pünktlich zum Ziel war auch der Regen wieder zur Stelle, dieses Mal so richtig! Den Schauer wollten wir noch abwarten und uns dann auf den Weg zur Bushaltestelle machen. Ich glaube tatsächlich, diese halbe Stunde sitzen war mein größter Fehler an diesem Tag.

Die paar hundert Meter zur Bushaltestelle schaffte ich im Schneckentempo und fast hätten wir den Bus verpasst. Auf den Bahnhöfen auf dem Weg nach Hause zog ich mich mit beiden Händen Stufe für Stufe die Treppen hinauf und hinunter. In jedem Zug saß ich mit Bein hoch auf meinem Platz und zuhause angekommen testete ich erstmal ohne laufenden Automotor, ob ich mit dem Fuß / Knöchel überhaupt Gas und Bremse würde treten können. Es ging, mehr aber auch nicht. Am nächsten Tag auf der Arbeit humpelte ich mit einem Trekkingstock und in Trailrunnern herum, weil es nicht anders ging und ich in keine anderen Schuhe kam.
Das Schlimmste war nach einer Woche vorbei, insgesamt sollte es vier Wochen dauern bis ich wieder ohne Schmerzen auch längere Strecken laufen konnte.
Ich hoffe sehr, dass sich das im Oktober nicht wiederholt, wenn wir den 42 km Mammutmarsch in Wiesbaden laufen!
