Es ist inzwischen über 5 Jahre her, dass ich mit dem Wandern begonnen habe. Anfangs waren die Strecken -aus heutiger Sicht- eher kurz. Heute liegen 2 Mammutmärsche hinter mir, einer mit 30 km Länge, der andere mit 42 km. Beides habe ich ohne größere Probleme weggesteckt. Die nächste Stufe beim Mammutmarsch wären 55 km und davor bin ich bisher doch zurückgeschreckt.
Wie es nun zu dieser persönlichen Extremwanderung über 51 km von Paderborn nach Bad Salzuflen kam, das kannst du hier nachlesen. Dort berichte ich von der Planung und allen Probleme, Pannen und Fragen, die im Vorfeld aufgetaucht sind. Denn eine solch lange Tour abseits der veranstalteten Märsche ist nochmal etwas ganz anderes.
Kurz gesagt, die Bahn ist Schuld und der Satz „Laufen ist doch keine Option“.
Den konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.
Wichtig: dies ist keine Wanderung um der schönen Natur oder anderen Sehenswürdigkeiten Willen.
Es ging darum, diese 51 km zu schaffen!
Zum Nachwandern ist die Tour also nur sehr bedingt zu empfehlen.

Fast auf den Tag genau acht Wochen nach der katastrophalen Bahnfahrt stand ich morgens um sechs abmarschbereit vor dem Paderborner Bahnhof. Sidefact: an Feiertagen öffnet der Bäcker im Bahnhof um acht Uhr, weshalb ich keine Notfallmilchbrötchen kaufen konnte wie geplant. Der erste Dämpfer an diesem Morgen. Dennoch war ich guter Dinge. Vor allem war ich trotz aller Bedenken in den Wochen zuvor motiviert bis in die Haarspitzen und sehr sicher, die 51 km zu schaffen. Das Wetter schien von den 95% Regenwahrscheinlichkeit nichts zu wissen, die meine App seit Tagen prophezeite. Es war tatsächlich trocken und einigermaßen warm. Natürlich hätte ich die Route damals in der Nacht laufen müssen, darum ist diese Aktion vielleicht nicht ganz vergleichbar. Ich kann aber versichern, dass mich das Gefühl aus der Nacht vor Ort wieder einholte. Alles war sofort wieder da, die komplette Fassungslosigkeit, die Resignation und die Dankbarkeit für mein „Taxi“.

Die ersten etwa 1,7 km der Strecke verlaufen mitten in der Stadt, in Wohn- und Geschäftsstraßen. Schön für eine Wanderung ist das nicht. Es wäre vielleicht etwas anderes gewesen, wäre ich nicht an einem Feiertag gestartet. Offene Geschäfte, Kneipen und Cafés hätten diesen Start vermutlich attraktiver gemacht. Eine geöffnete Bäckerei hätte mich an meinem Wandertag sehr gefreut, denn durch einen Zwischenfall am Abend zuvor konnte ich nichts Festes essen. Da hätte mich ein Milchbrötchen in Sachen Frühstück gerettet. Aber leider hatte nirgends in den Straßen etwas geöffnet. Im katholischen Paderborn würdigt man die Feiertage noch richtig.
Als ich die Paderauen erreichte, hatte ich die Hoffnung auf einen Bäcker aufgegeben. Dafür wurde die Strecke in dem Park endlich grün. Außerdem war ich früh am Morgen komplett alleine dort unterwegs. Herrlich!

Die Paderauen sind ideal zum Wandern, Spazieren und Radfahren. Die Wege sind breit und bequem zu gehen / fahren, es gibt Wäldchen, Wiesen, Weiden mit Hochlandrindern und sogar ein Storchenpaar samt Nachwuchs in ihrem Nest habe ich gesehen.
Mich hat der Park leicht an die Döhrener Masch erinnert, die beim Mammutmarsch Hannover auf der Strecke lag.
Natürlich hatte ich mir vorab überlegt, wie ich mit meinen Kräften haushalten wollte. Anfangs wollte ich es ruhiger und langsamer angehen lassen, damit ich später noch Reserven habe. Denn gegen Ende würde die Tour anstrengend werden, da war ich mir sicher. Geklappt hat das alles aber nicht. Ich war für meine Verhältnisse sehr zügig unterwegs und habe dieses Tempo bis zum Schluss gehalten.

In Schloss Neuhaus angekommen stand gänzlich unerwartet meine Frühstücksrettung am Straßenrand: ein Snackautomat. Es gab sogar etwas, das man als Frühstück durchgehen lassen konnte, nämlich Schokocroissants. Wenn man bedenkt wo ich arbeite, war das eigentich eine Situation zum Totlachen. In diesem Moment war ich aber einfach froh und habe mich nur ein ganz kleines bisschen über den Preis geärgert. Kurz darauf kam ich an einem Bäcker vorbei, doch da hätte ich noch zehn Minuten warten müssen bis zum Öffnen. Da ich die Tour am liebsten in maximal 12 Stunden schaffen wollte, war die Zeit zu kostbar dafür. Also habe ich weiter vorsichtig an meinem Croissant geknabbert und die fast gefrorene Schokofüllung gelutscht. Man kann es mit der Kühlung in so einem Automaten auch übertreiben!

Nach fast 3 km an einer großen Hauptstraße erreichte ich Paderborn-Sennelager und die Normandy Barracks dort. So langsam stieg die Spannung, denn bald würde der erste Abschnitt kommen, der eventuell nicht zugänglich war. Bei der Erkundung vor der Wanderung war alles frei begehbar gewesen, aber wer wusste schon, wie fix das Militär mit einer Sperrung sein kann? Die Route streift gleich zwei solcher Areale und führt teils auf wenige Meter nahe heran. Es ist dort bitte unbedingt auf die Beschilderung zu achten! Bitte bring dich nicht unnötig in Gefahr, nur weil der gesperrte Weg kürzer oder angenehmer zu laufen ist! Der Untergrund dieser Wanderung ist sowieso zu 90% Asphalt, da kommt es auf einen oder zwei Kilometer mehr nicht an.


Gut 4 km läuft man nun am Zaun des Kasernengeländes entlang und zwar stur geradeaus! Hier kann man wirklich morgens schon sehen, wer nachmittags zu Kaffee und Kuchen kommt. Ziemlich am Anfang fand ich einen Glückscent, was mich zuversichtlich stimmte. Dies war einer der Abschnitte von der Erkundungstour und der Eindruck hatte nicht getrogen. Der Weg war komplett begehbar. Zu sehen gab es hier allerdings nichts, was dem Tempo zugute kam. Inzwischen war es kurz vor halb neun und entsprechend waren noch andere Leute unterwegs. Verständlicherweise überwiegend mit dem Fahrrad. Dafür ist der Weg ideal. Als ich das Örtchen Staumühle erreichte, spürte ich zum ersten Mal ganz leicht meine Füße. Fußschmerzen sind nach Höhenmetern mein Endgegner beim Wandern. Deshalb hatte ich zwei Ibu 600 in mein Medikit gepackt. Die Trekkingstöcke waren auf jeden Fall die richtige Entscheidung gewesen.

Diese große Hütte mit den Tischen und Bänken sah sehr einladend aus, aber ich habe auf die Pause verzichtet. Vorankommen war erstmal wichtiger und vor allem weg von diesem schnurgeraden Weg. Hinter Staumühle begann der zweite Abschnitt, der abgesperrt hätte sein können. Aber er war es nicht. Genau wie beim Auskundschaften auch. Zwischen dem Weg und der Panzerringstraße (auf der man nichts zu suchen hat) stehen Warnschilder. Ansonsten wäre die Panzerringstraße für einige Meter eine brauchbare Abkürzung. Eigentlich finde ich ja , wenn ihr Zivilisten dort nicht haben wollt, dann baut einen Zaun dahin! Ohne Zaun sind es fünf Schritte hinüber. Kein Wunder, dass manchmal Leute auf der Panzerringstraße laufen.

Die Strecke führt durch zwei waldige Gebiete. Den Anfang macht die Moosheide, in der ich schon auf der einen oder anderen Wanderung unterwegs war. Dennoch erkannte ich nichts wieder. Aber ich war wie gesagt nicht unterwegs um die Natur zu genießen. So habe ich die Emsquellen und das Infocenter links liegen lassen. Trotzdem waren der Wald, die Heideflächen und vor allem die weichen Wege eine feine Abwechslung. Für die Augen und erst recht für die Füße. Wo wir gerade bei Füßen sind: ich habe im Sand Waschbärspuren gesehen. Die kleinen Panzerknacker finde ich ja unglaublich süß!
In der Moosheide waren schließlich die ersten 20 km geschafft und ich fand, das verdiente die erste richtige Pause. Bis hierher hatte ich immer nur kurz zum Trinken gestoppt.

Ich habe keine Ahnung, was die Menschheit an solchen Trinkmahlzeiten findet. In der Pause habe ich etwa die halbe Flasche getrunken um endlich ein paar solide Kalorien, Eiweiß, Zucker und all solche wichtigen Sachen aufzufüllen. Dazu gab es zwei Täfelchen Traubenzucker und ganz vorsichtig einen einzelnen kleinen Kinderriegel. Zwar hatte ich gar keinen richtigen Hunger, aber irgendwas an Treibstoff braucht der Körper halt doch. Erst recht bei einem Extremmarsch. Eine hohe Bank lud zum Ausruhen ein und das Angebot habe ich gerne angenommen. 20 Kilometer. Noch eineinhalbmal so weit und ich hätte das Ziel erreicht. Ich muss zugeben, an diesem Pausenplatz klang das noch sehr weit. Aber außer den Füßen tat mir nichts weh. Als mir langsam kalt wurde, habe ich zusammengepackt und bin weitergelaufen.

Die Straße „Am Bärenbach“ ist eine weitere kilometerlange Gerade. Sie endet bei Kilometer 25, der Mitte der gesamten Tour. Dort hatte ich zwei Tage zuvor die Wasserflasche mehr schlecht als recht versteckt. Sie war mein nächstes Ziel, obwohl ich sie eigentlich gar nicht brauchte. Ich trinke auf Wanderungen immer viel zu wenig, so auch hier. Die Flasche lag noch an Ort und Stelle und so habe ich nochmal kurz eine Pause gemacht. Eine Sitzgelegenheit gab es nicht, also habe ich mich auf den Boden gesetzt und mich darauf verlassen, dass die Autofahrer mich sehen. Den Rest der angefangenen Wasserflasche habe ich schließlich ausgekippt und sie durch die neue Flasche ersetzt. Hinein kam ein Sachet Elektrolyte. Außerdem habe ich hier eine Ibu genommen um die Fußschmerzen nicht ärger werden zu lassen.

Die nächsten 15 Kilometer bis Lage sollten der anstrendste Teil der Tour werden. Zunächst aber erreichte ich Augustdorf, wo sich hinter der Kaserne meine Ausstiegsbushaltestelle befand. Hier musste also final die Entscheidung gefällt werden, ob ich die Sache durchziehe oder abbreche. Die Füße nervten zwar noch, scheinbar hatte die Ibu ihren Bestimmungsort noch nicht gefunden, ansonsten ging es mir aber noch gut. Die Strecke zog sich zwar, aber ich war weder müde, noch erschöpft und vor allem wollte ich die Tour nachwievor schaffen. Den Kreis Lippe hatte ich hier schon mal erreicht. Zu dem gehörte auch mein Ziel Bad Salzuflen.
Ich wandere sonst nie mit Kopfhörern, aber hier haben sie mich vor allem durch diese 15 km gebracht. Und wer im Laufen noch zur Musik herumhampeln und mit den Trekkingstöcken fuchteln kann, der kann auch noch weiterlaufen.

Das Waldgebiet bei den Rethlager Quellen ist die zweite grüne Oase auf der Route. Hier konnten sich die Füße nochmal ausruhen. Über Bäche hinweg, an Teichen und Pferdeweiden entlang und bei ordentlich Wind neben Feldern ging es immer weiter in Richtung Lage. Irgendwann war es nur noch Laufen wie im Tunnel. Einfach weiter und weiter und weiter. Bald würde Lage schon kommen. Ohne die Musik hätte mein Tempo sicher ordentlich gelitten, aber „Liebe auf der Rückbank“ und „Ich will nicht, dass du gehst“ von Finch schoben mich zuverlässig voran. Die Ibu wirkte endlich, auch wenn sie die Fußschmerzen nicht ganz in Schach halten konnte. Aber es war auszuhalten und so ging es im Tunnelmodus erstaunlich gut voran. Mit jedem Schritt kam Lage näher.

Das Schild meiner Träume auf den gerade zurückgelegten 15 Kilometern stand ganz popelig an einer Kreuzung. Herford, Bad Salzuflen, Lage. Alle wichtigen Orte zusammen. Und dann war es bis Lage wirklich nur noch ein Katzensprung. Lage überhäufte mich mit allem, was mir bisher gefehlt hatte. Tankstellen, Mäcces und damit verbunden auch Toiletten. Auf dieser Wanderung habe ich festgestellt, dass es mir etwa nach 40 km endlich völlig egal ist, wie ich aussehe. Die Jungs in der Tankstelle schauten etwas schräg, aber mir war der Toilettenschlüssel wichtiger. Im Mäcces bin ich auch auf der Toilette eingekehrt um die Socken zu wechseln und die Füße nochmal einzucremen für die letzten zehn Kilometer. Und an der letzten Tankstelle von Lage gab es nochmal eine größere Pause. Ganz lauschig zwischen Luftprüfgerät und Staubsauger. Egal!

Zehn Kilometer! Alberne zehn Kilometer nur noch! Wenn das keine Motivation war, was dann?
Kaum dass ich unter dem Dach der Tankstelle hervor trat, legte das erste und einzige Regenschauer des Tages los. Die Regenjacke hätte ich dafür nicht gebraucht, aber ich wollte sie nicht völlig unnötig migenommen haben. Nach zehn Minuten war der Spuk schon wieder vorbei und die Sonne kam langsam raus. Die Regenjacke verschwand wieder im Rucksack.
Die Schötmarsche Straße wollte es noch einmal so richtig wissen. Asphalt (natürlich), eine große Straße (nervig) und dicke Regenwolken (bedenklich). Aber der Himmel hielt dicht, es fiel nicht ein einziger Tropfen, stattdessen war es in der Sonne richtig warm.

Die Messehallen von Bad Salzuflen läuteten für mich offiziell den Endspurt ein und ich muss zugeben, so langsam wollte ich einfach nur noch ankommen. So schnell wie möglich. Es reichte tatsächlich. Aber die Aussicht auf den Moment an meinem Auto scheuchte mich weiter. Manche Straßen hier waren alles andere als schön, das muss man einfach so ehrlich sagen. Durch solch eine Gegend war ich auf den kompletten Kilometern seit Paderborn nicht gelaufen.
Am Schloss Schötmar brach der letzte Kilometer an. Jedes Mal, wenn ich mit dem Auto dort entlang fahre, kommt mir das Stück so viel kürzer vor als an meinem Wandertag. Endlich war ich raus aus Schötmar. Die große Tankstelle, der Marktkauf, die Firma, mein Auto auf dem Parplatz! Keine Fanfaren, kein Applaus und kein Finisher Getränk. Schade eigentlich.

Im Auto habe ich erstmal einige Nachrichten verschickt und in mich hinein gefühlt. Aber da war nichts außer Stolz. Mir tat nichts sonderlich weh, obwohl die Ibu sicher ausgewirkt hatte. Ich war auch nicht müde und von der Kondition her hätte ich die 7 km bis nach Hause noch geschafft. Da war ich sicher und bin es heute noch. Aber der Kopf wollte nicht mehr und er musste ja auch nicht. Das Ziel war erreicht und der Beweis erbracht, dass Laufen immer eine Option ist. Ich muss aber auch sagen, durch die Nacht hindurch wäre die Tour ein Himmelfahrtskommando gewesen. Daher hier nochmal ein DANKE an meinen Retter in der Nacht.
Am nächsten Tag traute ich mich nach dem Aufwachen gar nicht, mich zu bewegen. Ich hatte so eine Angst, dass mir alles weh tun wüde. Aber ich hatte einfach gar nichts. Keine Schmerzen, keine Blasen, keine Erschöpfung, einfach nichts.
| Name | Laufen ist doch keine Option! – 51 km von Paderborn nach Bad Salzuflen (GPX) |
| Länge | 51 km |
| Auf- & Abstieg | ↑210 ↓260 |
| Startpunkt | Hauptbahnhof Paderborn |
| Zielpunkt | Bahnhofstraße Bad Salzuflen |
| Wegbeschaffenheit | 90% Asphalt |
| Aktualität | 06 / 2026 |
